Work | Life | Progress am 2. Juli

"Gute Arbeitsbedingungen müssen für alle Beschäftigten gelten – egal ob im Betrieb oder am heimischen Arbeitsplatz"

  • 03.07.2020
  • News

Mit dem Corona-Shutdown im März 2020 wurden von einem Tag auf den anderen die Beschäftigten aus den Bürobereichen ins Homeoffice geschickt. Nach den Lockerungen der letzten Wochen stellt sich nun für viele die Frage, wie es mit der mobilen Arbeit weitergeht. Über ihre Erfahrungen und Anforderungen sprachen ca. 30 betroffene Beschäftigte und Betriebsräte im Rahmen eines "Work|Life|Progress"-Webtalks.

"Schon lange wünschen sich viele Beschäftigte, häufiger am heimischen Arbeitsplatz arbeiten zu können", beschreibt Eva Stassek, Erste Bevollmächtigte der IG Metall Braunschweig die Ausgangslage. "Unter anderem, weil sie darin Vorteile für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sehen. Die Corona-Pandemie hat nun sehr schnell Fakten geschaffen."

Viele Beschäftigte fühlten sich in der Situation offensichtlich wohl.  Kurzfristig durchgeführte stichpunktartige Umfragen verschiedener Institute ergaben, dass sich 70-75 Prozent der Beschäftigten vorstellen könnten, mehrere Tage die Woche mobil zu arbeiten. Doch trifft das auch hier in Braunschweig und Wolfenbüttel zu? Wie ergonomisch ist der heimische Arbeitsplatz? Arbeite ich selbstbestimmt oder bin ich viel mehr ständig verfügbar?

"Vor Corona hätten wohl die meisten gedacht, dass mobile Arbeit in diesem Ausmaß nicht möglich sei", beschreibt Mathias Möreke, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bei Volkswagen Braunschweig, die betriebliche Situation. "Die gute Arbeit des Krisenstabs und insbesondere der IT-Abteilung haben uns allen das Gegenteil bewiesen." Auch die Wahrnehmung der Beschäftigten sei überwiegend positiv. Ein großer Teil der Kolleginnen und Kollegen berichte von größerer gegenseitiger Rücksichtnahme und Flexibilität im Team und gleichzeitig transparenter Kommunikation und Vertrauen seitens der Führungskräfte in diesen besonderen Zeiten der Pandemie. Deshalb sei es nicht verwunderlich, dass die überwiegende Mehrheit gerne weiterhin mobil arbeiten möchte. "In den nächsten Wochen und Monaten kommen deshalb spannende Debatten auf uns zu", ist sich Möreke sicher.

Von den Vor- und Nachteilen für die Beschäftigten berichtet Benjamin Weiberg, 2. stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bei Siemens Mobility in Braunschweig: "Viele Beschäftigte schätzen die Ruhe, Flexibilität und den Wegezeitentfall durch das Homeoffice." Gleichzeitig fehle ihnen aber der persönliche Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen sowie Projektpartnern. Online-Collaboration-Tools seien kein Ersatz dafür. Außerdem gebe es bisher keinen finanziellen Ausgleich für die Aufwendungen im Homeoffice – zum Beispiel für den Kauf geeigneter Büromöbel. Weiberg umriss eine aktuelle Umfrage des Siemens-Betriebsrates, in der detailliert Erfahrungen und Einschätzungen der bei Siemens in mobiler Arbeit Beschäftigten erfragt wurden. 75 Prozent der Befragten gaben an, weiterhin gerne mobil arbeiten zu wollen."Da bei uns die Mehrheit der Beschäftigten in Zukunft gerne häufiger von Zuhause arbeiten möchte, ist es nun an uns als Betriebsrat, einen besseren Rahmen dafür zu schaffen."

Garnet Alps, Zweite Bevollmächtigte der IG Metall Braunschweig ergänzt: "In der Pandemie-Situation ging es zunächst darum, die Beschäftigten vor einer COVID19-Erkrankung zu schützen." Die räumliche und ergonomische Eignung des Homeoffice sei zunächst nicht hinterfragt worden. "Jetzt werden wir die Debatten führen, wie das Arbeiten im Homeoffice in Zukunft und langfristig aussehen soll. Grundsätzlich gilt: Gute Arbeitsbedingungen müssen für alle Beschäftigten gelten – egal ob im Betrieb oder am heimischen Arbeitsplatz", macht Alps deutlich.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus vielen verschiedenen Betrieben, Berufsgruppen sowie Tätigkeitsbereichen und Funktionen berichteten überwiegend über positive Erfahrungen mit der Situation. Doch es gab auch negative Stimmen.

Als einige positive Effekte wurden unter anderem genannt:

  • Kein Fahrtweg zur Arbeit - mehr Freizeit
  • Selbstbestimmung im Arbeitsablauf / Lage der Arbeitszeit
  • Ruhigeres Arbeiten
  • Weniger Stress
  • Bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf
  • Schutz der Gesundheit (Geringere Ansteckungsgefahr)
  • Papierlose Arbeit
  • Gleiche Bedingungen bei weltweiter Zusammenarbeit

Als negative Aspekte wurden genannt:

  • Abgrenzung
  • Mangelnde Kooperation zwischen den Kolleg*innen im Homeoffice und denen im Betrieb
  • Kreativität
  • Ungeeignete Arbeitsmittel/Arbeitsbedingungen
  • Unklare Kostenübernahme durch den Betrieb (Arbeitsmittel/Sachkosten)
  • Reines Homeoffice nicht optimal. Der Kontakt zu Kolleg*innen wird vermisst
  • Zu viele Web-Meetings
  • Heimweg nach der Arbeit fehlt um abzuschalten

An der regulären Situation in den Großraumbüros wurde vor allem kritisiert, dass diese zu laut und zu heiß seien.

Abschließend bleibt fest zu stellen: Diese Form der Arbeit wird künftig mehr als bisher genutzt werden. Die einzelnen zu verbessernden Aspekte werden in den nächsten Monaten weiter in den Belegschaften und Betriebsräten sowie in der IG Metall diskutiert werden. Aber auch die Situation in den Betrieben bleibt ein Thema, das weiterhin bearbeitet wird.

Wir bedanken uns für die anregende Diskussion der Teilnehmer und Teilnehmerinnen und wünschen allen eine schöne Sommerzeit – im Herbst geht es weiter.